Über die Spiritualität des Rettungsdienstes
Von Jack Kelly, Autor von fünf Romanen. Der Beitrag ist in
englischer Sprache mit dem Titel „Right Now!" erschienen in
Spirituality & Health, Ausgabe März/April 2007.
Der elektronische Alarm macht meine Stimmung und jeden irdischen
Gedanken zunichte und katapultiert mich mitten hinein in die
Spiritualität des Rettungsdienstes.
18 Jahre lang war ich
ehrenamtlicher Notfallsanitäter bei der Rettungsmannschaft meiner Stadt
im ländlichen Hinterland von New York. Spirituelle Übungen sind nicht
dazu gedacht, uns aus dem Alltag herauszuholen, sondern dazu, ein Licht
einzuschalten, um uns wach werden zu lassen. Das ist es, worauf es
ankommt: Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen! Und so hat mein Leben als
Notfallsanitäter die spirituelle Suche erweitert, die mich zu
Disziplinen wie Iyengar Yoga und Meditation, zu Bhagayad Gita und zur
Bibel geführt hat. Die Arbeit des Rettungssanitäters ist ein Prüfstein.
Ich muss von Konzepten loslassen, von Vorstellungen und
Abstrahierungen; ich muss dem nackten Leben entgegentreten.
„Kommen Sie zu einem Autounfall“, höre ich über meinen tragbaren Empfänger. „Eine Person ist in ein Auto gelaufen. Nördlicher State Parkway, südlich der Willis Road.“ Aufgeschreckt durch den Alarm, vollführt unsere Mannschaft – alles freiwillige Helfer – eine improvisierte Choreografie. Einige kommen mit der Ambulanz oder dem Rettungswagen, andere begeben sich direkt zum Unfallort.
Die Aufrufe folgen keinem Muster. Es kann sein, dass ich gerade an meinem Computer sitze und einen Artikel über die Geschichte der Technologie fertig stelle. Oder ich liege im Bett unter fünf Lagen von Träumen. Ich kann gerade von einem anderen Einsatz zurückgekommen sein, oder ich war eine ganze Woche lang nicht da draußen. Ich kann mich entmutigt fühlen oder inspiriert, traurig oder beschwingt. Ich könnte gerade den Rasen mähen, unter der Dusche stehen oder – meditieren. Der Alarm lässt meine Stimmung und jeden irdischen Gedanken vergehen. Woran dachte ich gerade? Mit welcher Angelegenheit, unbedeutend oder tief greifend, war ich gerade beschäftigt? Alles weg. Ich lege meine Gabel weg, höre mitten im Satz auf zu sprechen, gehe schnell zum Auto, schalte das Blaulicht ein und fahre zum Unfallort.
Ich sage „ich“. Irgendjemand fährt das Auto, sicherlich. Irgendwer entschlüsselt die bruchstückhaft übertragenen Meldungen, die berichten, wie sich die Situation entwickelt. Irgendwer liest noch einmal die Protokolle für die Behandlung der zu erwartenden Verletzungen durch – die Signale und Symptome eines Schocks, die Durchführung einer Herzlungen-Reanimation.
Irgendwer. Doch vieles von dem, was mein tägliches „Ich“ ausmacht, begleitet mich nicht auf dem Weg zum Unfallort. Ich kann jetzt keinen Stolz gebrauchen, keine Gefühle des Ärgers, der Nostalgie oder des Bedauerns. Die Gedankenschleifen voller Unsicherheiten, Deuteleien und Alltäglichkeiten verfliegen. Ich lege das Päckchen Tarot-Karten weg, von denen jede eine Facette meiner Persönlichkeit darstellt: Den fürsorglichen Mann, den spirituell Suchenden, den betroffenen Bürger.
Der heutige Ruf gilt einer jungen Frau, die hinter einem Lenkrad eingeklemmt ist. Sie ist bei Bewusstsein, steht aber unter Schock. Ein Bein ist gebrochen. Blut aus einer Platzwunde am Kopf läuft über ihr Gesicht. Unser Vorgehen ist immer darauf ausgerichtet, „das Auto vom Patienten zu entfernen“, um weitere Verletzungen zu vermeiden. Ich klettere durch das Fenster auf den Rücksitz, prüfe den Puls und den Blutdruck der Patientin, lege ihr eine Halsmanschette an, um die Halswirbelsäule zu schützen, und beruhige sie. Die anderen Mannschaftsmitglieder entfernen das Auto systematisch mit hydraulischen Werkzeugen. Wir lassen die Patientin vorsichtig auf eine Trage gleiten, schienen das gebrochene Bein und bringen sie in unsere Ambulanz.
Ich bin mit der Aufmerksamkeit eines Handwerkers dabei. Die Arbeit ist vertraut und anspruchsvoll, eine Kombination aus genauen Protokollen und Improvisation von Sekunde zu Sekunde. Es gibt vieles, was uns ablenken könnte: Aufblitzende Stroboskope, das Aufheulen von Maschinen, Pumpen und Generatoren. Die panischen Fragen der Familienangehörigen des Patienten. Der Anblick verbogenen Metalls und zerbrochener Scheiben. Wenn ich in einer Meditation sitze, kann der trivialste Gedanke meine Aufmerksamkeit von der Übung ablenken. Im Chaos eines Notfalls jedoch bleibt mein Geist klar.
Mitten im Zentrum
Wer in einem Rettungsdienst arbeitet, ist ein Adrenalin-Junkie. Das gilt auch für mich. Adrenalin ist der Schwamm, der beim Klang einer Alarmsirene meinen Geist reinigt. Der Mechanismus, der meine Aufmerksamkeit auf eine Weise zentriert, wie ich es im Alltag nur selten erlebe, wird ausgelöst durch die komplizierte chemische Substanz, die ein Notruf durch meine Venen jagt. Aus dem emotionalen Klirren, das daraus entsteht, habe ich viel über spirituelle Beunruhigung und Anhaftung gelernt. Wenn ich an meine erste Zeit als Rettungssanitäter zurückdenke, fällt mir die unsägliche Angst ein, mit der ich zum Unfallort raste, die Furcht, in eine Situation zu geraten, auf die ich nicht vorbereitet war. Manch einer, der in diesen Beruf hineingerät, kann diese Angst nicht überwinden. Diesen Menschen ist es unmöglich, dabei zu bleiben. Bei den anderen von uns ändert die Erfahrung die Wahrnehmung. Die geballte Aufmerksamkeit erzeugt Erregung, nicht Furcht. Es ist wie der Thrill einer Achterbahnfahrt.
Meine spirituelle Erfahrung hat mich gelehrt, dass Gefühle unaufhörlich in einem Menschen hochkommen. Es ist das Festhalten und Anhaften, das es ihnen erlaubt, Besitz von uns zu ergreifen. Ich nenne Erregung Angst, und sie nimmt die Gestalt der Angst an. Ich füttere meinen Groll, und ich werde Groll. Wenn ich zurückblicke, erkenne ich, dass ein großer Teil der Angst, die ich auf dem Weg zu einem Einsatz verspürte und von der ich glaubte, sie sei durch Adrenalin entstanden, von meinen eigenen Gedanken geformt worden war. Kann ich das schaffen? Werde ich vom Anblick der Szene überwältigt werden? Werde ich mich bewähren? Als ich solche Bedenken fallen ließ und mich mehr auf die Realität als auf meine Gedanken konzentrierte, konnte ich mich vom Festhalten an diesen Ängsten befreien. Das soll nicht heißen, dass der Druck, der durch einen Alarm entsteht, nur gut ist. Wir sind nicht dazu geschaffen, unser Leben im Notfall-Modus zu leben. Adrenalin ist ein hinterlistiges und gefährliches Hormon.
Gemeinsam mit Dr. Ray Shelton, einem Experten in Sachen Psychologie der Rettungsdienste, habe ich ein Buch über den Stress der Rettungssanitäter geschrieben. Viele der Ratschläge, die er Rettungssanitätern und anderen Notfalldiensten gibt, behandelt die heimtückischen Effekte der „Kämpf oder flieh“-Reaktion – die Überachtsamkeit und die anstachelnden Erinnerungen, die uns im täglichen Leben behindern können. Um zu überleben, muss ein Rettungssanitäter lernen, wie er seine emotionale Erregung einsetzt und auch, wie er sie wieder ausschalten kann. Unabhängig von der Intensität der Erfahrung müssen wir von ihr loslassen, sobald sie vorüber ist. Wir müssen das Loslassen lernen - eine spirituelle Übung.
Die Illusion der Zeit verlieren
Der metaphysische Kampf nimmt oft die Gestalt eines Ringkampfes an, den man gegen ein wildes Monster – die Zeit – führt. Ungeduld und Bedauern sind die dualen Begleiter des Leidens. Mein wankelmütiger Geist hängt an der Vergangenheit fest und tastet blind nach der Zukunft, die nur in meiner Vorstellung existiert. Das Offensichtliche ist mir nicht bewusst: Dass ich mein Leben voll und ganz im ewigen Jetzt lebe.
Das Bewusstsein für die Zeit ist die Grundlage meiner Ausbildung zum Rettungssanitäter. Die „goldene Stunde“ ist der Zeitraum nach einer körperlichen Verletzung oder einer Erkrankung wie einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, in dem der Körper am besten in der Lage ist, das Geschehene zu kompensieren. Wenn ein Herz versagt, sinken die Überlebenschancen des Patienten um 10 Prozent pro Minute. Am Einsatzort tickt die Uhr ständig.
Was sagt mir die Vertrautheit mit Notfällen über den Charakter der Zeit? Ein Rettungssanitäter weiß, dass es Anlässe gibt, bei denen Zögerlichkeit fatal sein kann, und er weiß, dass solche Anlässe sich jederzeit ereignen können. Krisen sind nicht vorhersehbar. Zeit ist unbarmherzig und unumkehrbar. Für Rettungssanitäter gibt es keine Zeit zum Nachdenken. Der Handlungsbedarf wird von der Zeit bestimmt.
Notfälle nehmen uns das Polster der Zeit, das uns in unserem alltäglichen Leben umgibt. Ist es möglich, dass dieses Polster - auf einer tieferen Ebene betrachtet - nur eine Illusion ist? Überlebende von Schiffsunglücken sagen oft: „Es passierte so schnell. Gerade fuhr das Schiff noch, und schon…“ Sie dachten, sie hätten Zeit auszuweichen, ihrem Schicksal zu entkommen. „Beobachte den nächsten Atemzug so, als ob es dein letzter wäre“, sagte mir einst ein Meditationslehrer. Wie ist es, wenn man genau in diesem Moment so lebt, als wäre jeder Augenblick kritisch und unumkehrbar? So, als wäre kein Polster da?
„Kommen Sie zu einem Autounfall“, höre ich über meinen tragbaren Empfänger. „Eine Person ist in ein Auto gelaufen. Nördlicher State Parkway, südlich der Willis Road.“ Aufgeschreckt durch den Alarm, vollführt unsere Mannschaft – alles freiwillige Helfer – eine improvisierte Choreografie. Einige kommen mit der Ambulanz oder dem Rettungswagen, andere begeben sich direkt zum Unfallort.
Die Aufrufe folgen keinem Muster. Es kann sein, dass ich gerade an meinem Computer sitze und einen Artikel über die Geschichte der Technologie fertig stelle. Oder ich liege im Bett unter fünf Lagen von Träumen. Ich kann gerade von einem anderen Einsatz zurückgekommen sein, oder ich war eine ganze Woche lang nicht da draußen. Ich kann mich entmutigt fühlen oder inspiriert, traurig oder beschwingt. Ich könnte gerade den Rasen mähen, unter der Dusche stehen oder – meditieren. Der Alarm lässt meine Stimmung und jeden irdischen Gedanken vergehen. Woran dachte ich gerade? Mit welcher Angelegenheit, unbedeutend oder tief greifend, war ich gerade beschäftigt? Alles weg. Ich lege meine Gabel weg, höre mitten im Satz auf zu sprechen, gehe schnell zum Auto, schalte das Blaulicht ein und fahre zum Unfallort.
Ich sage „ich“. Irgendjemand fährt das Auto, sicherlich. Irgendwer entschlüsselt die bruchstückhaft übertragenen Meldungen, die berichten, wie sich die Situation entwickelt. Irgendwer liest noch einmal die Protokolle für die Behandlung der zu erwartenden Verletzungen durch – die Signale und Symptome eines Schocks, die Durchführung einer Herzlungen-Reanimation.
Irgendwer. Doch vieles von dem, was mein tägliches „Ich“ ausmacht, begleitet mich nicht auf dem Weg zum Unfallort. Ich kann jetzt keinen Stolz gebrauchen, keine Gefühle des Ärgers, der Nostalgie oder des Bedauerns. Die Gedankenschleifen voller Unsicherheiten, Deuteleien und Alltäglichkeiten verfliegen. Ich lege das Päckchen Tarot-Karten weg, von denen jede eine Facette meiner Persönlichkeit darstellt: Den fürsorglichen Mann, den spirituell Suchenden, den betroffenen Bürger.
Der heutige Ruf gilt einer jungen Frau, die hinter einem Lenkrad eingeklemmt ist. Sie ist bei Bewusstsein, steht aber unter Schock. Ein Bein ist gebrochen. Blut aus einer Platzwunde am Kopf läuft über ihr Gesicht. Unser Vorgehen ist immer darauf ausgerichtet, „das Auto vom Patienten zu entfernen“, um weitere Verletzungen zu vermeiden. Ich klettere durch das Fenster auf den Rücksitz, prüfe den Puls und den Blutdruck der Patientin, lege ihr eine Halsmanschette an, um die Halswirbelsäule zu schützen, und beruhige sie. Die anderen Mannschaftsmitglieder entfernen das Auto systematisch mit hydraulischen Werkzeugen. Wir lassen die Patientin vorsichtig auf eine Trage gleiten, schienen das gebrochene Bein und bringen sie in unsere Ambulanz.
Ich bin mit der Aufmerksamkeit eines Handwerkers dabei. Die Arbeit ist vertraut und anspruchsvoll, eine Kombination aus genauen Protokollen und Improvisation von Sekunde zu Sekunde. Es gibt vieles, was uns ablenken könnte: Aufblitzende Stroboskope, das Aufheulen von Maschinen, Pumpen und Generatoren. Die panischen Fragen der Familienangehörigen des Patienten. Der Anblick verbogenen Metalls und zerbrochener Scheiben. Wenn ich in einer Meditation sitze, kann der trivialste Gedanke meine Aufmerksamkeit von der Übung ablenken. Im Chaos eines Notfalls jedoch bleibt mein Geist klar.
Mitten im Zentrum
Wer in einem Rettungsdienst arbeitet, ist ein Adrenalin-Junkie. Das gilt auch für mich. Adrenalin ist der Schwamm, der beim Klang einer Alarmsirene meinen Geist reinigt. Der Mechanismus, der meine Aufmerksamkeit auf eine Weise zentriert, wie ich es im Alltag nur selten erlebe, wird ausgelöst durch die komplizierte chemische Substanz, die ein Notruf durch meine Venen jagt. Aus dem emotionalen Klirren, das daraus entsteht, habe ich viel über spirituelle Beunruhigung und Anhaftung gelernt. Wenn ich an meine erste Zeit als Rettungssanitäter zurückdenke, fällt mir die unsägliche Angst ein, mit der ich zum Unfallort raste, die Furcht, in eine Situation zu geraten, auf die ich nicht vorbereitet war. Manch einer, der in diesen Beruf hineingerät, kann diese Angst nicht überwinden. Diesen Menschen ist es unmöglich, dabei zu bleiben. Bei den anderen von uns ändert die Erfahrung die Wahrnehmung. Die geballte Aufmerksamkeit erzeugt Erregung, nicht Furcht. Es ist wie der Thrill einer Achterbahnfahrt.
Meine spirituelle Erfahrung hat mich gelehrt, dass Gefühle unaufhörlich in einem Menschen hochkommen. Es ist das Festhalten und Anhaften, das es ihnen erlaubt, Besitz von uns zu ergreifen. Ich nenne Erregung Angst, und sie nimmt die Gestalt der Angst an. Ich füttere meinen Groll, und ich werde Groll. Wenn ich zurückblicke, erkenne ich, dass ein großer Teil der Angst, die ich auf dem Weg zu einem Einsatz verspürte und von der ich glaubte, sie sei durch Adrenalin entstanden, von meinen eigenen Gedanken geformt worden war. Kann ich das schaffen? Werde ich vom Anblick der Szene überwältigt werden? Werde ich mich bewähren? Als ich solche Bedenken fallen ließ und mich mehr auf die Realität als auf meine Gedanken konzentrierte, konnte ich mich vom Festhalten an diesen Ängsten befreien. Das soll nicht heißen, dass der Druck, der durch einen Alarm entsteht, nur gut ist. Wir sind nicht dazu geschaffen, unser Leben im Notfall-Modus zu leben. Adrenalin ist ein hinterlistiges und gefährliches Hormon.
Gemeinsam mit Dr. Ray Shelton, einem Experten in Sachen Psychologie der Rettungsdienste, habe ich ein Buch über den Stress der Rettungssanitäter geschrieben. Viele der Ratschläge, die er Rettungssanitätern und anderen Notfalldiensten gibt, behandelt die heimtückischen Effekte der „Kämpf oder flieh“-Reaktion – die Überachtsamkeit und die anstachelnden Erinnerungen, die uns im täglichen Leben behindern können. Um zu überleben, muss ein Rettungssanitäter lernen, wie er seine emotionale Erregung einsetzt und auch, wie er sie wieder ausschalten kann. Unabhängig von der Intensität der Erfahrung müssen wir von ihr loslassen, sobald sie vorüber ist. Wir müssen das Loslassen lernen - eine spirituelle Übung.
Die Illusion der Zeit verlieren
Der metaphysische Kampf nimmt oft die Gestalt eines Ringkampfes an, den man gegen ein wildes Monster – die Zeit – führt. Ungeduld und Bedauern sind die dualen Begleiter des Leidens. Mein wankelmütiger Geist hängt an der Vergangenheit fest und tastet blind nach der Zukunft, die nur in meiner Vorstellung existiert. Das Offensichtliche ist mir nicht bewusst: Dass ich mein Leben voll und ganz im ewigen Jetzt lebe.
Das Bewusstsein für die Zeit ist die Grundlage meiner Ausbildung zum Rettungssanitäter. Die „goldene Stunde“ ist der Zeitraum nach einer körperlichen Verletzung oder einer Erkrankung wie einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, in dem der Körper am besten in der Lage ist, das Geschehene zu kompensieren. Wenn ein Herz versagt, sinken die Überlebenschancen des Patienten um 10 Prozent pro Minute. Am Einsatzort tickt die Uhr ständig.
Was sagt mir die Vertrautheit mit Notfällen über den Charakter der Zeit? Ein Rettungssanitäter weiß, dass es Anlässe gibt, bei denen Zögerlichkeit fatal sein kann, und er weiß, dass solche Anlässe sich jederzeit ereignen können. Krisen sind nicht vorhersehbar. Zeit ist unbarmherzig und unumkehrbar. Für Rettungssanitäter gibt es keine Zeit zum Nachdenken. Der Handlungsbedarf wird von der Zeit bestimmt.
Notfälle nehmen uns das Polster der Zeit, das uns in unserem alltäglichen Leben umgibt. Ist es möglich, dass dieses Polster - auf einer tieferen Ebene betrachtet - nur eine Illusion ist? Überlebende von Schiffsunglücken sagen oft: „Es passierte so schnell. Gerade fuhr das Schiff noch, und schon…“ Sie dachten, sie hätten Zeit auszuweichen, ihrem Schicksal zu entkommen. „Beobachte den nächsten Atemzug so, als ob es dein letzter wäre“, sagte mir einst ein Meditationslehrer. Wie ist es, wenn man genau in diesem Moment so lebt, als wäre jeder Augenblick kritisch und unumkehrbar? So, als wäre kein Polster da?
Die Maske abwerfen
Wenn wir Retter zu dunkler Stunde vor dem Morgengrauen gerufen werden, haben wir keine Zeit, unsere soziale Maske anzulegen. Am Einsatzort eines schlimmen Unfalls ist nichts Aufgesetztes in unseren Gesichtern. So lernen wir uns gegenseitig auf eine Art kennen, die sich sehr von der zwanglosen Begegnung mit neuen Bekannten unterscheidet. Wir teilen den Sinn für eine Gemeinschaft, die auf unvermeidbarer Ehrlichkeit gründet. Wir haben eine enge Verbindung mit unseren Patienten. Die verletzten und kranken Menschen, denen wir begegnen, befinden sich in ihrer Verletzlichkeit jenseits jeglicher Täuschung. Wir begegnen einander ohne jegliche Arglist. Während der Rettungsaktion erleben wir den Menschen in Wahrheit.
Gespräche zwischen Rettungskräften haben nicht den Anflug von Spiritualität. Sie schwanken zwischen technischen Details des Notrufs, Feuerwehrklatsch und schwarzem Humor. Nur selten beziehen sie sich auf den eigentlichen Zweck: Leid zu lindern. Diese instinktive Haltung von Rettungskräften stimmt mit dem Ratschlag der Weisen überein. Unsere Arbeit ist „nichts Besonderes.“ Wir helfen, ohne ans Helfen zu denken. „Wenn wir etwas mit einfachem, klaren Verstand tun“, sagt Shunryu Suzuki, „haben wir weder eine Absicht noch einen dunklen Gedanken. Wir handeln stark und aufrichtig.“
Im Schatten des Todes
Bevor ich Rettungssanitäter wurde, hatte ich noch keinen Menschen sterben sehen. Ich hatte einige wenige Leichen gesehen, die noch nicht für die Beerdigung hergerichtet worden waren. Über die Jahre war ich dann oft dabei, wenn Menschen in die Ewigkeit hinüberglitten. Ich beobachtete, wie einfach das Sterben ist. Der Übergang wird nicht begleitet von Fanfaren oder einem orchestralen Crescendo. Ein Leben kann so ruhig erlöschen wie ein Kerzenlicht.
Unser spirituelles Bestreben findet im Schatten des Todes statt. Es ist die flüchtige Natur des Lebens, die uns motiviert, nach Sinn zu suchen, die die Suche mit dem Älterwerden dringender macht, die das richtige Maß für die Wahrheit unserer Erkenntnisse liefert. Einige Yogis in Indien befürworten eine Übung, bei der man einige Zeit auf Friedhöfen verbringen muss, um die Vertrautheit mit dem Tod zu kultivieren. Memento mori, denk daran, dass du sterben musst, ist die ständige Losung ihrer Lehre.
Die Erfahrung, einem sterbenden Menschen sehr nah zu sein, ist niemals trivial. Zu Beginn meiner Laufbahn als Rettungssanitäter wurde ich zum Haus eines Nachbarn gerufen, dessen vier Monate alter Sohn ernsthaft erkrankt war. Das Baby erlitt einen Herzstillstand, bevor ich eintraf. Ich löste die Eltern bei ihren Wiederbelebungsversuchen ab und versuchte eine Herz-Lungen-Reanimation, während der Krankenwagen über die Landstraßen zum Krankenhaus raste. Das Personal in der Notfallambulanz führte alle vorgeschriebenen Untersuchungen durch. Der Arzt verkündete den Tod des Kindes. Wir packten unsere Geräte zusammen, entließen den Krankenwagen in seinen Dienst und gingen nach Hause. Ich hatte bereits gelernt, in solchen Situationen nur ein Minimum an Emotionen aufkommen zu lassen, und verlor keine Träne.
Am nächsten Tag dachte ich über das Leben dieses Kindes nach, das so früh beendet worden war. Ich suchte nach einem Sinn. Plötzlich, wie in einer Vision, schien es mir, als hätte sich das gesamte Gewebe der Realität in einen Vorhang verwandelt. Eine Sekunde lang wurde mir gewährt, eine Ecke dieses Vorhangs hochzuheben und dahinter zu schauen. Was ich wahrnahm, kann ich nur als Abgrund beschreiben. Ich war entsetzt und erschüttert. Ich weinte - nicht nur um das Kind im Leichenschauhaus. „Der Tod eines Kindes“ ist eine der Notfallsituationen, die unser Buch über den Stress der Rettungsdienste behandelt. Es ist eins der Ereignisse, die selbst einen hartgesottenen Veteran treffen können, der mit seiner Routine Verletzungen und Blut gelassen hinnimmt. Und „Stress“ ist in diesem Fall nur ein Weg, Ereignisse und Emotionen zu bezeichnen, die die tiefsten Geheimnisse des Menschseins berühren.
Der Vorfall ist mir im Gedächtnis geblieben, aber ich habe nie seinen Sinn verstanden. Auch nicht den 30 Jahre alten Mann, der an einem Wochentag morgens kam, um seine Großmutter zu besuchen, dann nach oben ins Badezimmer ging und sich selbst in den Kopf schoss. Auch nicht den ruhigen, fassungslosen Schmerz der Frau, die aufwachte und ihren 59 Jahre alten Mann tot neben sich im Bett fand. Auch nicht das neun Jahre alte Mädchen, das seinen Sicherheitsgurt löste, um ein Buch zu suchen, das heruntergefallen war, als genau in dem Augenblick das Auto der Familie frontal mit einem anderen zusammenstieß – jeder Unfallbeteiligte blieb unverletzt, aber das Mädchen wurde getötet.
Diese Geschehnisse sind eher Mysterien als Lehren. Meine spirituelle Pflicht ist es nicht, Mysterien aufzuklären, sondern das Drama der Existenz mit offenen Augen und stets wachsam zu betrachten.
Wie die meisten Rettungssanitäter, wie die meisten Freiwilligen, lehne ich es ab, über meine Arbeit zu sprechen, da ich befürchte, solch ein Gespräch könnte den Beigeschmack von Prahlerei oder Klatsch erhalten. Für mich ist diese Arbeit nicht heldenhaft, sondern ernüchternd. Jedes Mal, wenn ich mein Alltagsleben beiseite legte, um bei einem Notruf zu folgen, bin ich mit einem weiteren Teilchen eines riesigen Puzzlespiels nach Hause zurückgekehrt. Ich war ernüchtert von der Unsicherheit, mit der wir am Leben festhalten. Ich war bewegt von der Belastbarkeit der Menschen. Ich war ermutigt von der sozialen Kompetenz der Mitglieder unserer Rettungsmannschaft. Rettungssanitäter zu sein, hat mir einen Platz in der ersten Reihe der menschlichen Komödie verliehen. Und es hat mich abrupt daran erinnert, meine Spiritualität auf dem Boden der mal düsteren, mal hoffnungsvollen Wahrheit zu praktizieren.
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