Über die Spiritualität des Rettungsdienstes
Von Jack Kelly, Autor von fünf Romanen. Der Beitrag ist in
englischer Sprache mit dem Titel „Right Now!" erschienen in
Spirituality & Health, Ausgabe März/April 2007.
Der elektronische Alarm macht meine Stimmung und jeden irdischen
Gedanken zunichte und katapultiert mich mitten hinein in die
Spiritualität des Rettungsdienstes.
18 Jahre lang war ich
ehrenamtlicher Notfallsanitäter bei der Rettungsmannschaft meiner Stadt
im ländlichen Hinterland von New York. Spirituelle Übungen sind nicht
dazu gedacht, uns aus dem Alltag herauszuholen, sondern dazu, ein Licht
einzuschalten, um uns wach werden zu lassen. Das ist es, worauf es
ankommt: Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen! Und so hat mein Leben als
Notfallsanitäter die spirituelle Suche erweitert, die mich zu
Disziplinen wie Iyengar Yoga und Meditation, zu Bhagayad Gita und zur
Bibel geführt hat. Die Arbeit des Rettungssanitäters ist ein Prüfstein.
Ich muss von Konzepten loslassen, von Vorstellungen und
Abstrahierungen; ich muss dem nackten Leben entgegentreten.
„Kommen
Sie zu einem Autounfall“, höre ich über meinen tragbaren Empfänger.
„Eine Person ist in ein Auto gelaufen. Nördlicher State Parkway,
südlich der Willis Road.“ Aufgeschreckt durch den Alarm, vollführt
unsere Mannschaft – alles freiwillige Helfer – eine improvisierte
Choreografie. Einige kommen mit der Ambulanz oder dem Rettungswagen,
andere begeben sich direkt zum Unfallort.
Die
Aufrufe folgen keinem Muster. Es kann sein, dass ich gerade an meinem
Computer sitze und einen Artikel über die Geschichte der Technologie
fertig stelle. Oder ich liege im Bett unter fünf Lagen von Träumen. Ich
kann gerade von einem anderen Einsatz zurückgekommen sein, oder ich war
eine ganze Woche lang nicht da draußen. Ich kann mich entmutigt fühlen
oder inspiriert, traurig oder beschwingt. Ich könnte gerade den Rasen
mähen, unter der Dusche stehen oder – meditieren. Der Alarm lässt meine
Stimmung und jeden irdischen Gedanken vergehen. Woran dachte ich
gerade? Mit welcher Angelegenheit, unbedeutend oder tief greifend, war
ich gerade beschäftigt? Alles weg. Ich lege meine Gabel weg, höre
mitten im Satz auf zu sprechen, gehe schnell zum Auto, schalte das
Blaulicht ein und fahre zum Unfallort.
Ich
sage „ich“. Irgendjemand fährt das Auto, sicherlich. Irgendwer
entschlüsselt die bruchstückhaft übertragenen Meldungen, die berichten,
wie sich die Situation entwickelt. Irgendwer liest noch einmal die
Protokolle für die Behandlung der zu erwartenden Verletzungen durch –
die Signale und Symptome eines Schocks, die Durchführung einer
Herzlungen-Reanimation.
Irgendwer.
Doch vieles von dem, was mein tägliches „Ich“ ausmacht, begleitet mich
nicht auf dem Weg zum Unfallort. Ich kann jetzt keinen Stolz
gebrauchen, keine Gefühle des Ärgers, der Nostalgie oder des Bedauerns.
Die Gedankenschleifen voller Unsicherheiten, Deuteleien und
Alltäglichkeiten verfliegen. Ich lege das Päckchen Tarot-Karten weg,
von denen jede eine Facette meiner Persönlichkeit darstellt: Den
fürsorglichen Mann, den spirituell Suchenden, den betroffenen Bürger.
Der
heutige Ruf gilt einer jungen Frau, die hinter einem Lenkrad
eingeklemmt ist. Sie ist bei Bewusstsein, steht aber unter Schock. Ein
Bein ist gebrochen. Blut aus einer Platzwunde am Kopf läuft über ihr
Gesicht. Unser Vorgehen ist immer darauf ausgerichtet, „das Auto vom
Patienten zu entfernen“, um weitere Verletzungen zu vermeiden. Ich
klettere durch das Fenster auf den Rücksitz, prüfe den Puls und den
Blutdruck der Patientin, lege ihr eine Halsmanschette an, um die
Halswirbelsäule zu schützen, und beruhige sie. Die anderen
Mannschaftsmitglieder entfernen das Auto systematisch mit hydraulischen
Werkzeugen. Wir lassen die Patientin vorsichtig auf eine Trage gleiten,
schienen das gebrochene Bein und bringen sie in unsere Ambulanz.
Ich
bin mit der Aufmerksamkeit eines Handwerkers dabei. Die Arbeit ist
vertraut und anspruchsvoll, eine Kombination aus genauen Protokollen
und Improvisation von Sekunde zu Sekunde. Es gibt vieles, was uns
ablenken könnte: Aufblitzende Stroboskope, das Aufheulen von Maschinen,
Pumpen und Generatoren. Die panischen Fragen der Familienangehörigen
des Patienten. Der Anblick verbogenen Metalls und zerbrochener
Scheiben. Wenn ich in einer Meditation sitze, kann der trivialste
Gedanke meine Aufmerksamkeit von der Übung ablenken. Im Chaos eines
Notfalls jedoch bleibt mein Geist klar.
Mitten im Zentrum
Wer
in einem Rettungsdienst arbeitet, ist ein Adrenalin-Junkie. Das gilt
auch für mich. Adrenalin ist der Schwamm, der beim Klang einer
Alarmsirene meinen Geist reinigt. Der Mechanismus, der meine
Aufmerksamkeit auf eine Weise zentriert, wie ich es im Alltag nur
selten erlebe, wird ausgelöst durch die komplizierte chemische
Substanz, die ein Notruf durch meine Venen jagt. Aus dem emotionalen
Klirren, das daraus entsteht, habe ich viel über spirituelle
Beunruhigung und Anhaftung gelernt. Wenn ich an meine erste Zeit als
Rettungssanitäter zurückdenke, fällt mir die unsägliche Angst ein, mit
der ich zum Unfallort raste, die Furcht, in eine Situation zu geraten,
auf die ich nicht vorbereitet war. Manch einer, der in diesen Beruf
hineingerät, kann diese Angst nicht überwinden. Diesen Menschen ist es
unmöglich, dabei zu bleiben. Bei den anderen von uns ändert die
Erfahrung die Wahrnehmung. Die geballte Aufmerksamkeit erzeugt
Erregung, nicht Furcht. Es ist wie der Thrill einer Achterbahnfahrt.
Meine
spirituelle Erfahrung hat mich gelehrt, dass Gefühle unaufhörlich in
einem Menschen hochkommen. Es ist das Festhalten und Anhaften, das es
ihnen erlaubt, Besitz von uns zu ergreifen. Ich nenne Erregung Angst,
und sie nimmt die Gestalt der Angst an. Ich füttere meinen Groll, und
ich werde Groll. Wenn ich zurückblicke, erkenne ich, dass ein großer
Teil der Angst, die ich auf dem Weg zu einem Einsatz verspürte und von
der ich glaubte, sie sei durch Adrenalin entstanden, von meinen eigenen
Gedanken geformt worden war. Kann ich das schaffen? Werde ich vom
Anblick der Szene überwältigt werden? Werde ich mich bewähren? Als ich
solche Bedenken fallen ließ und mich mehr auf die Realität als auf
meine Gedanken konzentrierte, konnte ich mich vom Festhalten an diesen
Ängsten befreien. Das soll nicht heißen, dass der Druck, der durch
einen Alarm entsteht, nur gut ist. Wir sind nicht dazu geschaffen,
unser Leben im Notfall-Modus zu leben. Adrenalin ist ein hinterlistiges
und gefährliches Hormon.
Gemeinsam
mit Dr. Ray Shelton, einem Experten in Sachen Psychologie der
Rettungsdienste, habe ich ein Buch über den Stress der
Rettungssanitäter geschrieben. Viele der Ratschläge, die er
Rettungssanitätern und anderen Notfalldiensten gibt, behandelt die
heimtückischen Effekte der „Kämpf oder flieh“-Reaktion – die
Überachtsamkeit und die anstachelnden Erinnerungen, die uns im
täglichen Leben behindern können. Um zu überleben, muss ein
Rettungssanitäter lernen, wie er seine emotionale Erregung einsetzt und
auch, wie er sie wieder ausschalten kann. Unabhängig von der Intensität
der Erfahrung müssen wir von ihr loslassen, sobald sie vorüber ist. Wir
müssen das Loslassen lernen - eine spirituelle Übung.
Die Illusion der Zeit verlieren
Der
metaphysische Kampf nimmt oft die Gestalt eines Ringkampfes an, den man
gegen ein wildes Monster – die Zeit – führt. Ungeduld und Bedauern sind
die dualen Begleiter des Leidens. Mein wankelmütiger Geist hängt an der
Vergangenheit fest und tastet blind nach der Zukunft, die nur in meiner
Vorstellung existiert. Das Offensichtliche ist mir nicht bewusst: Dass
ich mein Leben voll und ganz im ewigen Jetzt lebe.
Das
Bewusstsein für die Zeit ist die Grundlage meiner Ausbildung zum
Rettungssanitäter. Die „goldene Stunde“ ist der Zeitraum nach einer
körperlichen Verletzung oder einer Erkrankung wie einem Herzinfarkt
oder Schlaganfall, in dem der Körper am besten in der Lage ist, das
Geschehene zu kompensieren. Wenn ein Herz versagt, sinken die
Überlebenschancen des Patienten um 10 Prozent pro Minute. Am Einsatzort
tickt die Uhr ständig.
Was sagt mir die Vertrautheit mit
Notfällen über den Charakter der Zeit? Ein Rettungssanitäter weiß, dass
es Anlässe gibt, bei denen Zögerlichkeit fatal sein kann, und er weiß,
dass solche Anlässe sich jederzeit ereignen können. Krisen sind nicht
vorhersehbar. Zeit ist unbarmherzig und unumkehrbar. Für
Rettungssanitäter gibt es keine Zeit zum Nachdenken. Der
Handlungsbedarf wird von der Zeit bestimmt.
Notfälle nehmen uns
das Polster der Zeit, das uns in unserem alltäglichen Leben umgibt. Ist
es möglich, dass dieses Polster - auf einer tieferen Ebene betrachtet -
nur eine Illusion ist? Überlebende von Schiffsunglücken sagen oft: „Es
passierte so schnell. Gerade fuhr das Schiff noch, und schon…“ Sie
dachten, sie hätten Zeit auszuweichen, ihrem Schicksal zu entkommen.
„Beobachte den nächsten Atemzug so, als ob es dein letzter wäre“, sagte
mir einst ein Meditationslehrer. Wie ist es, wenn man genau in diesem
Moment so lebt, als wäre jeder Augenblick kritisch und unumkehrbar? So,
als wäre kein Polster da?
Die Maske abwerfen
Wenn
wir Retter zu dunkler Stunde vor dem Morgengrauen gerufen werden, haben
wir keine Zeit, unsere soziale Maske anzulegen. Am Einsatzort eines
schlimmen Unfalls ist nichts Aufgesetztes in unseren Gesichtern. So
lernen wir uns gegenseitig auf eine Art kennen, die sich sehr von der
zwanglosen Begegnung mit neuen Bekannten unterscheidet. Wir teilen den
Sinn für eine Gemeinschaft, die auf unvermeidbarer Ehrlichkeit gründet.
Wir haben eine enge Verbindung mit unseren Patienten. Die verletzten
und kranken Menschen, denen wir begegnen, befinden sich in ihrer
Verletzlichkeit jenseits jeglicher Täuschung. Wir begegnen einander
ohne jegliche Arglist. Während der Rettungsaktion erleben wir den
Menschen in Wahrheit.
Gespräche zwischen Rettungskräften haben
nicht den Anflug von Spiritualität. Sie schwanken zwischen technischen
Details des Notrufs, Feuerwehrklatsch und schwarzem Humor. Nur selten
beziehen sie sich auf den eigentlichen Zweck: Leid zu lindern. Diese
instinktive Haltung von Rettungskräften stimmt mit dem Ratschlag der
Weisen überein. Unsere Arbeit ist „nichts Besonderes.“ Wir helfen, ohne
ans Helfen zu denken. „Wenn wir etwas mit einfachem, klaren Verstand
tun“, sagt Shunryu Suzuki, „haben wir weder eine Absicht noch einen
dunklen Gedanken. Wir handeln stark und aufrichtig.“
Im Schatten des Todes
Bevor
ich Rettungssanitäter wurde, hatte ich noch keinen Menschen sterben
sehen. Ich hatte einige wenige Leichen gesehen, die noch nicht für die
Beerdigung hergerichtet worden waren. Über die Jahre war ich dann oft
dabei, wenn Menschen in die Ewigkeit hinüberglitten. Ich beobachtete,
wie einfach das Sterben ist. Der Übergang wird nicht begleitet von
Fanfaren oder einem orchestralen Crescendo. Ein Leben kann so ruhig
erlöschen wie ein Kerzenlicht.
Unser spirituelles Bestreben
findet im Schatten des Todes statt. Es ist die flüchtige Natur des
Lebens, die uns motiviert, nach Sinn zu suchen, die die Suche mit dem
Älterwerden dringender macht, die das richtige Maß für die Wahrheit
unserer Erkenntnisse liefert. Einige Yogis in Indien befürworten eine
Übung, bei der man einige Zeit auf Friedhöfen verbringen muss, um die
Vertrautheit mit dem Tod zu kultivieren. Memento mori, denk daran, dass
du sterben musst, ist die ständige Losung ihrer Lehre.
Die
Erfahrung, einem sterbenden Menschen sehr nah zu sein, ist niemals
trivial. Zu Beginn meiner Laufbahn als Rettungssanitäter wurde ich zum
Haus eines Nachbarn gerufen, dessen vier Monate alter Sohn ernsthaft
erkrankt war. Das Baby erlitt einen Herzstillstand, bevor ich eintraf.
Ich löste die Eltern bei ihren Wiederbelebungsversuchen ab und
versuchte eine Herz-Lungen-Reanimation, während der Krankenwagen über
die Landstraßen zum Krankenhaus raste. Das Personal in der
Notfallambulanz führte alle vorgeschriebenen Untersuchungen durch. Der
Arzt verkündete den Tod des Kindes. Wir packten unsere Geräte zusammen,
entließen den Krankenwagen in seinen Dienst und gingen nach Hause. Ich
hatte bereits gelernt, in solchen Situationen nur ein Minimum an
Emotionen aufkommen zu lassen, und verlor keine Träne.
Am
nächsten Tag dachte ich über das Leben dieses Kindes nach, das so früh
beendet worden war. Ich suchte nach einem Sinn. Plötzlich, wie in einer
Vision, schien es mir, als hätte sich das gesamte Gewebe der Realität
in einen Vorhang verwandelt. Eine Sekunde lang wurde mir gewährt, eine
Ecke dieses Vorhangs hochzuheben und dahinter zu schauen. Was ich
wahrnahm, kann ich nur als Abgrund beschreiben. Ich war entsetzt und
erschüttert. Ich weinte - nicht nur um das Kind im Leichenschauhaus.
„Der Tod eines Kindes“ ist eine der Notfallsituationen, die unser Buch
über den Stress der Rettungsdienste behandelt. Es ist eins der
Ereignisse, die selbst einen hartgesottenen Veteran treffen können, der
mit seiner Routine Verletzungen und Blut gelassen hinnimmt. Und
„Stress“ ist in diesem Fall nur ein Weg, Ereignisse und Emotionen zu
bezeichnen, die die tiefsten Geheimnisse des Menschseins berühren.
Der
Vorfall ist mir im Gedächtnis geblieben, aber ich habe nie seinen Sinn
verstanden. Auch nicht den 30 Jahre alten Mann, der an einem Wochentag
morgens kam, um seine Großmutter zu besuchen, dann nach oben ins
Badezimmer ging und sich selbst in den Kopf schoss. Auch nicht den
ruhigen, fassungslosen Schmerz der Frau, die aufwachte und ihren 59
Jahre alten Mann tot neben sich im Bett fand. Auch nicht das neun Jahre
alte Mädchen, das seinen Sicherheitsgurt löste, um ein Buch zu suchen,
das heruntergefallen war, als genau in dem Augenblick das Auto der
Familie frontal mit einem anderen zusammenstieß – jeder
Unfallbeteiligte blieb unverletzt, aber das Mädchen wurde getötet.
Diese
Geschehnisse sind eher Mysterien als Lehren. Meine spirituelle Pflicht
ist es nicht, Mysterien aufzuklären, sondern das Drama der Existenz mit
offenen Augen und stets wachsam zu betrachten.
Wie die meisten
Rettungssanitäter, wie die meisten Freiwilligen, lehne ich es ab, über
meine Arbeit zu sprechen, da ich befürchte, solch ein Gespräch könnte
den Beigeschmack von Prahlerei oder Klatsch erhalten. Für mich ist
diese Arbeit nicht heldenhaft, sondern ernüchternd. Jedes Mal, wenn ich
mein Alltagsleben beiseite legte, um bei einem Notruf zu folgen, bin
ich mit einem weiteren Teilchen eines riesigen Puzzlespiels nach Hause
zurückgekehrt. Ich war ernüchtert von der Unsicherheit, mit der wir am
Leben festhalten. Ich war bewegt von der Belastbarkeit der Menschen.
Ich war ermutigt von der sozialen Kompetenz der Mitglieder unserer
Rettungsmannschaft. Rettungssanitäter zu sein, hat mir einen Platz in
der ersten Reihe der menschlichen Komödie verliehen. Und es hat mich
abrupt daran erinnert, meine Spiritualität auf dem Boden der mal
düsteren, mal hoffnungsvollen Wahrheit zu praktizieren.
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